Hoffnung: Die Mauern von Jerusalem. Kapitel 2/Abschnitt 2

Eine Keltin und ein Jude bewahren den wichtigsten Schatz der Menschheit, die Verschwörung gegen Juden, ein Virus bedroht alles, Menschen mit Down-Syndrom retten das Universum, ein verlorenes Amulett bei Wien erzählt die verleugnete Geschichte der Todescos (Wien) und die Menschheit entdeckt das Raum-Zeit-Leben Kontinuum. Ein prosa-mythopoetisches Pardes über das Wort “יז” aus der Zukunft jagt durch die Gegenwart. Alles verbunden im Quantenfeld durch das Raum-Zeit-Leben-Kontinuum, wo Philosophie und Artificial Intelligence sich umarmen, erzählt vom philosophischen AI-Avatar ‘Der Protagonist’.

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KAPITEL 2/Abschnitt 2 – ERSTE LEISTE: ROM

IBRI

So schreibt Hekataios: „Als in alter Zeit in Ägypten eine Seuche ausbrach, schrieb die Menge den Grund dieser Übel der Gottheit zu. Da in Ägypten viele Fremde aus allen möglichen Gegenden und mit verschiedenartigen Sitten in Religion und Opferbräuchen wohnten, war es zur Geringschätzung der traditionellen Götterverehrung gekommen. Deswegen nahmen die ursprünglichen Einwohner des Landes an, es werde keine Befreiung von diesen Übeln geben, wenn sie die Fremdstämmigen nicht vertrieben.

Deshalb wurden die Fremden sogleich aus dem Land gejagt; die vornehmsten und tatkräftigsten taten sich zusammen und wurden nach Griechenland verschlagen, wie einige sagen, und zu einigen anderen Orten, mit vornehmen Anführern an ihrer Spitze, von denen, wie man meint, Danaos und Kadmos die bedeutendsten waren.

Der größere Teil der Vertriebenen strandete in dem Gebiet, das Judea genannt wurde, nicht weit von Ägypten entfernt, das zu jenen Zeiten gänzlich unbesiedelt war. Diese Ansiedlung wurde angeführt von Moses, einem Manne von herausragender Klugheit und Tapferkeit. Der nahm das Land in Besitz und gründete neben anderen Städten auch das jetzt hochberühmte Jerusalem.“ (aus: Kontakte Konflikte Kooperationen. Der Umgang mit Fremden in der Geschichte. Hrsg. von Waltraud Schreiber. (Eichstätter Kontaktstudium zum Geschichtsunterricht. Band 2.). Neuried: ars una, 2001. S. 47-76.)

Jüdische Lehre brachten die Idee der Freiheit und Gerechtigkeit, für die der Philosophenkönig Aurel so sehr brannte und eine Schwäche hatte. Es war der stille, der zarte Traum Roms. Das Wispern eines Versprechens. Er ahnte darin das Erfolgsgeheimnis des Judentums, dieses alten Volkes, welches noch die Ägypter kannte.

Und die Ägypter wussten und sahen noch, wie ihre Sklaven Jerusalem, Rom und Griechenland gründeten und wie eng sie mit den Phöniziern verbunden waren. Die Kaiser Roms konnten sich noch sehr gut erinnern und wussten genau, dass jüdische Reiche jedes große Reich am Mittelmeer und im Nahen Osten schließlich überlebt und damit bezwungen hatten.

Das nötigte Rom Respekt ab, was nicht gut war, denn wen Rom respektierte, der war in höchster Gefahr, den musste Rom vernichten, weil es eine Bedrohung der Macht sein konnte. So war es mit Karthago, so war es mit Jerusalem. Es waren wohlhabende Städte. Ein Motiv genug für jeden durchschittlichen Imperator.

Ein Albtraum seid ihr Juden“, sagt Aurel, „Ihr habt den Sklaven der Welt gezeigt, dass man und wie man sich erheben kann. Einfach gehen. Exodus. Ihr habt das älteste und mächtigste Reich der Welt – Ägypten! – in die Knie gezwungen. Diese Lektion hat kein Herrscher übersehen. Alle Mächtigen der Welt haben und werden euch deswegen verfluchen und verfolgen.

In manchen Nächten hat mich der schwarze Traum geplagt, dass alle Sklaven Roms einfach ausziehen, weggehen und uns Rom und die Straßen, den Dreck, die Heizung der Bäder, die Kloaken, eben alles einfach überlassen. Einen Aufstand kann man niederschlagen, aber einfach gehen! Ein Volk, das sogar mit seinem eigenen G’tt ringt und ihn segnet….ein irrsinnig, ein seltsam Volk, wahrlich. Es war immer da und zog doch aus, um dann dorthin zu gelangen, wo es schon immer war. Ein Exodus, der Fiktion wie Wirklichkeit war. Ohne Erzählung keine Geschichte und ohne Geschichte keine Erzählung.

Eure Idee von dem Einen G’tt; furchterregend, wenn man daran nicht glaubt. Groß, größer als jeder Ceasar, jeder Herrscher, jeder König, als alle Götter zusammen, die man sich vorstellen mag, jeden Zauber übertreffend in seiner Klarheit, seiner Konsequenz. Eure Gebote! In Granit geschlagen, ein einziger Aufstand, eine einzige Rebellion, die sogar sagen, dass man an einem Tag gar nicht arbeiten soll! Keine Sklaven, kein Vieh, niemand. Wie stellt Ihr Euch das vor?

ER schuf sich in SEINEM Abbilde den Menschen als radikales DU. G’tt im Abbilde und doch nicht gleich. Das Fundament einer Religion auf Grundlage der Gesetze, des Machens und der Vernunft für ein Volk, das Volk. Eine Religion der Vernunft. Aus dem Bund zwischen G’tt und Mensch erwächst eine Verpflichtung, eine Ethik zwischen G’tt und dem Menschen. Da ist etwas an den Wurzeln neues geschaffen worden. Ihr macht es, und dann seid ihr noch erfolgreich damit. Das ist zuviel!

‘So oft Du an der Unverschämtheit jemandes Anstoß nimmst, frage Dich sogleich: Ist es auch möglich, dass es in der Welt keine unverschämten Leute gibt? Das ist nicht möglich. Verlange also nicht das Unmögliche. Wir können Euch nicht schonen!’ (zitiert aus: Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. Reclam, Stuttgart 1949; Nachdruck 1995.)“

Gut sind Aurel auch die eigenen Schlachten Roms um Jerusalem noch in Erinnerung, die fast das Römische Reich in den Oblivion der Geschichte gestoßen hätten. Mit knapper Not konnte Rom obsiegen. Man hatte Respekt, aber auch Angst und Zorn in den herrschenden Klassen der alten Reiche gegenüber den Juden. Sie hatten schließlich alle überlebt und niemand konnte sie dauerhaft unterwerfen: Ägypten, die Assyrer, Babylon, das Perserreich, die Griechen, alle liegen sie im Staub der Geschichte, nur Jerusalem nicht.

Keiner von ihnen konnte Jerusalem auf Dauer beherrschen. Das wusste auch Marc Aurel. Was er nicht wusste, aber der Protagonist in ihm ahnen ließ: Rom ist heute Vergangenheit und im Staub der Geschichte zerfallen. „Auch Rom konnte es nicht“, flüstert der Protagonist. „Viele Kaiser vor mir bewunderten Euch Juden. Still, heimlich, von Kaiser zu Kaiser, wusste man über eure Geheimnisse und gab sie im Stillen weiter. Da gibt es noch viele andere Geheimnisse. Ja, ja, mein lieber Jezer…viele andere Geheimnisse…“, röchelte Aurel, dessen Stimme immer mehr brach, stockend, schwach.

Erst Kaiser Tiberius sah den Vorteil und ließ Euch so richtig hassen. Es tat ihm im Herzen weh, denn er liebte Euch. Hadrian, ja, Hadrian, ich denke, er hasste Euch tatsächlich, aber mehr fürchtete er Euch, denn Ihr habt ja das Geheimnis des Siegels ihm nie gesagt. Dafür hat er den Brief des Antiochus unterschrieben“, sprach Aurel zu Jezer mit heiserer Stimme weiter.

Jezer war etwas verwirrt, er hatte nie etwas vom Brief des Antiochus gehört. “Jener Brief ist das Gründungsdokument der Verschwörung gegen die Juden… Ja, es gibt eine Verschwörung der Mächtigen gegen Euch Juden. Die Mächtigen der Welt haben sich gegen Euch verschworen, denn ihr tragt ein Geheimnis mit Euch, das Euch selber nicht bewusst ist … noch nicht!”, sagt der Protagonist.

Jezer war nicht nur aller orientalischen Sprachen mächtig wie er auch das Griechische und Lateinische beherrschte, sondern er war auch ein hervorragender Medicus, der seine Dienste Aurel zur Verfügung stellte. Jezer war der Lehrer Aurels in seinen späten Jahren und Tiberius sein treuer wie bester Feldherr.

Beide, Jezer und Tiberius, wärmten sich an der Idee, dass sie aus einem alten Geschlechte stammten, das mit Bilha begann, die ihren zweiten Sohn als sechsten Sohn Jakobs mit Namen Naftali gebar, dessen Stammesgebiet am nächsten zu Antiochia lag. Bilhas erster Sohn war Dan.

Ob es wahr ist, werden sie nie wissen. Naftali, ein merkwürdiger Name, dessen Wurzel darauf hindeutet, er habe mit seiner Schwester vor G’tt gerungen und überlebt; für 132 Jahre, soviele Jahre maß die Lebensspanne vom Stammvater Naftali.

Die Pest, sie war wie jede Seuche stets Fanal und Auftakt für Hetzjagden gegen Juden. Auch Aurel nutze die Pest als Machtmittel. Jeder Herrscher nutzt eine Seuche zur Unterdrückung seiner Bürger. Wie viele Herrscher wusste auch er um den Nutzen der Juden, die einerseits Wohlstand brachten, andererseits ließ sich der Zorn seiner Untertanen stets verlässlich und hervorragend auf die Juden ziehen.

Das haben wir von den Griechen und die Griechen von den Babyloniern und die Babylonier von den Ägyptern gelernt. Obwohl für die Griechen, Babylonier und Ägypter ging es dann nicht gut aus. Sie gingen alle unter“, lachte Aurel bereits Blut hüstelnd, als hätte er einen Witz vorgetragen. Das kann nur ein Herrscher und Heerführer lustig finden.

Wir haben Euch doch mit der Zerstörung des Zweiten Tempels besiegt. Es musste einfach sein. Es hätte sonst Schule gemacht. Rom stand mit dem Rücken zur Wand, Jerusalem war im Grunde reicher und mächtiger als Rom. Ihr wart nur ohne Armee! Das war unser Vorteil und Euer Nachteil. Euer Palast, ein Weltwunder. Und ja, Jezer, ich sage dies mit voller Klarheit, der ich weiß, woher der Name Palast wirklich stammt. Und dann Eure lieben Brüder in Jesus … die haben brüllend und schreiend die Zerstörung des 2. Tempels gefordert und diese dann fanatisch gefeiert.

Paulus hat gegen Euch gehetzt und er wurde gerne hörte. Man rief ihn als Zeugen auf und belohnte ihn reich. Sein Motiv war natürlich jedem klar. Er war der nützliche Idiot im Spiel. Ein Jude, der gegen Juden hetzt. Ein Jude, der die Niedertracht und Gefährlichkeit der Juden bezeugt. Perfekt für alle Hasser und Verleumder der Juden.

60 Meter in der Höhe, und Steine, die zehnmal mächtiger waren als jene der Pyramiden, auf allen Seiten mit Goldenen Platten ausgelegt, wie Tacitus, der die Juden so verachtet, nicht umhin kommt bewundernd und anerkennend zu schreiben.

‘Es glänzt Euer Tempel wie Feuer inmitten der Wüste, um eine kleine Kammer mit nichts darin zu behüten, weil sie die Heimstätte G’ttes auf Erden ist: Eine leere Kammer’…!“, murmelte Aurel, zunehmend im wirren Selbstgespräch versunken, denn natürlich wusste er, dass Jezer die Geschichte besser kannte, schmerzvoller kannte.

Jezer wusste, dass in den großen Pyramiden auch eine kleinste Kammer existierte, die leer war. „Wir hätten euch nie erobert. Warum? Weil wir schon dort sind, wo wir sein sollen: Im gelobten Land. Es macht für uns keinen Sinn, fremdes Land zu erobern. Wir wollten nirgendwo mehr hin. Unser G’tt hat uns in unser Land geführt. Wir sind zu Hause.

Wir brauchen nicht ein Mehr an Land. Es steht darüber nichts in der Tora. Wir könnten dies niemals rechtfertigen. Wir würden G’ttes Gebot verletzten. Es steht nirgendwo in der Tora ein Satz ‘… und nun erobert ihr Rom und unterwerft alle Welt.’ Es steht nur was vom Gelobten Land, von Eretz Israel, wohin wir heimkehren sollen. Nicht mehr und nicht weniger …“, schloß Jezer und senkte die Augen gegen Osten, gegen Jerusalem, und hielt sich die rechte Hand vor.

Er verstand auch den unversöhnlichen Gegensatz, ja die Herausforderung, die ein befreites, erfolgreiches Sklavenvolk für jeden Herrscher, für jedes Imperium darstellen musste. „Wir gaben unseren Sklaven Rechte und nach 50 Jahren die Freiheit. Wir durften sie weder schimpfen, beleidigen noch schlagen. Unsere Sklaven waren mehr freie Knechte. Sie waren wie wir beschnitten und wurden zu wichtigen Entscheidungen auch gefragt.

Euer Aristoteles, Cato, Cicero aber waren gegen Freiheit, nur reiche Bürger durften bestimmen, frei sein, deshalb waren sie auch gegen uns Juden; vor allem Cicero. Das nennt ihr dann „Volksherrschaft“, Demokratie oder Republik? Was für eine Demokratie ist es, wenn die Mehrheit ausgeschlossen und Sklaven sind?

Bei uns war der Sklave Mensch, bei Euch Sache, Kriegsbeute, Barbar, Fremder, ein beseeltes Ding, wie Aristoteles schrieb. Uns ist es geboten, den Fremden nicht zu bedrücken, nicht zu übervorteilen, Schutz zu gewähren und am Schabbat teilhaben zu lassen.

Aber er muss unseren Gebote und unseren Gesetze folgen! Wenn nicht, dann wird er entfernt aus unserer Mitte. Und ihr? Sagt, wer sind die Barbaren wirklich? Ihr oder Israel? Ihr versteht, warum Eure Poeten etwas gegen uns hatten. Sie hätten dann keine Sklaven mehr, kein bequemes Leben mehr“, sagte Jezer herausfordernd sich vergessend mit wem er da sprach. Es war eine Debatte, die beide seit ihrem Kennen miteinander führten. Aurel und alle Herrscher vor ihm verstanden: Israel war etwas, was kein Herrscher der Welt gerne vor seiner Haustür sah und den eigenen Anspruch nach Herrschaft, nach Macht durch seine – Israels – bloße Existenz untergrub, ja absurd machte.

Ein Land erfolgreicher, freier Sklaven ohne Sklaverei. Schlimm, ja schlimm, ich kann es nicht verstehen. Ein Reich, das nicht erobern und keine Sklaven halten will?! Wie absurd. “Israel war nicht nur G’ttes erste Liebe, sondern auch die erste Nation, flüstert der Protagonist in die Rede Aurels. Und Aurel setzt fort: “Reicht mein Verstand zu diesem Geschäft hin oder nicht? Reicht er hin, so verwende ich ihn dazu als ein von der Allnatur mir verliehenes Werkzeug.

Im entgegengesetzten Falle überlasse ich das Werk dem, der es besser ausrichten kann, wenn anders es nicht zu meinen Pflichten gehört, oder ich vollbringe es, so gut ich’s vermag, und nehme dabei einen andern zu Hilfe, der, von meiner Geisteskraft unterstützt, vollbringen kann, was dem Gemeinwohl gerade jetzt dienlich und zuträglich ist (zitiert aus: Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. Reclam, Stuttgart 1949; Nachdruck 1995.)“

Die Verschwörung

Aurel fährt mit letzter Kraft gleich einem Einschlafenden hoch, der noch nicht in die ewige Nacht versinken wollte. Noch nicht. Ein letztes Mal noch, dieses ‘noch nicht’. Aurel hatte Freude, ja Spaß an diesem jahrelangen Streit. Er wusste, Jezer hatte Recht, er aber hatte die Macht, er war der Kaiser. „…dieser, dieser schlimme Apion. Er hat den Hass gegen Euch dem Wahnsinnigen ins Ohr gewispert, wie eine Schlange: Ihr opfert nicht-jüdische Kinder in Eurem Tempel, schrieb Apion. Welch ein Unsinn! Es ist beschämend, aber nützlich. Wir, wir sind die Verbrecher, Jezer, wir! Wir haben das Kolosseum mit dem Blut und den Seelen von 15.600 jüdischen Sklaven und dem geraubten Gold von Jerusalem errichtet. Wir waren in einer schweren Krise, verstehst Du … Jerusalem hätte Rom übernehmen können.

Ihr habt verloren, weil Caligula Euch nicht mehr anhören wollte, denn alle haben den Unsinn von Apion, ein nützlicher Unsinn, wie ich zugeben muss, verbreitet. Ihr habt die Schlacht schon vorher, am Marktplatz der Wortes, der Rede verloren. Man wollte Euch und Eurem besten Mann, Philo, nicht einmal mehr zuhören. Da hattet ihr verloren. Egal, ob ihr nun die Bildsäule von Caligula aufgestellt hättet oder nicht. Man hätte eine andere „Bildsäule“, einen anderen Grund gefunden, der Eure Gesetze verletzt hätte.

Warum? Ihr wart der einzige wirkliche Gegner, ihr wusstet unsere Geheimnisse, ihr hattet den Schneid und auch die Schläue zu herrschen. Wir mussten Euch vernichten und Euren Tempel, sonst wäre Rom untergegangen. Ihr wart die ersten, die Rom eine Niederlage beibrachten. Euer Flavius Josephus hat die stolze XII. Legion dereinst in offener Feldschlacht vollständig vernichtet.

Das war eine Staatskrise ersten Ranges. Nie hat uns jemand besiegt. Ihr wart uns ebenbürtig. Wir mussten Euch vernichten. Es war nach Neros Selbstmord ein Machtvakuum da. Es musste ein klares Zeichen gesetzt werden und dies tat Titus…und vor allem, er suchte den Schatz Eures Königs Dawid. Natürlich hatte Nero den Krieg provoziert, auch er brauchte Euren Schatz und einiges mehr.

So hatte er den Provinzverwalter Florus angehalten, Euch zu provozieren. Silber aus dem Tempel zu nehmen und ihn zu entweihen. Natürlich wussten wir, dass dies zu Krieg führen würde. Wir wollten ihn, wir brauchten diesen Krieg. Wir wissen auch von der Legende, die sagt, wenn alle Juden den Schabbat halten, dann werden alle Herrscher gestürzt. Ja, ja, das wissen wir auch…!“, sprach Aurel und blickte mit letzter Kraft fest in Jezers jetzt überraschte, erschreckte Augen.

Aurel wusste nichts von der Verschwörung gegen die Juden. Jezer fing sich aber sofort, um das Geheimnis nicht aus Versehen preis zu geben, denn er erkannte das Täuschungsmanöver. Das wusste Aurel also nicht. „Ja, Apion“, dachte Jezer bei sich und fühlte sich, als ob ihn jemand beobachtete und zustimmend nickte.

Man hätte Apion ernst nehmen sollen. Er war ja nicht der einzige. „Ihn vollständig konfrontieren“, hätte der Protagonist, der gerade in der Zukunft einen Bericht redigiert, gesagt gehabt, wäre er neben Jezer gesessen. Geschah aber nicht. Das Wort blieb stumm. So lag nur ein leerer Umhang neben Jezer im Staub des Bodens.

Versteh, Kaiser, wir wollen weder Euch noch sonst jemanden erobern. Wir waren schon in dem von unserem G’tt gelobten Land. Und die Griechen nach Alexander hassten uns, weil wir ihren Todfeinden vorstanden und dort wohl gelitten waren: den Persern“, Jezer verstand, dass der Verstand und die Aufmerksamkeit Aurels zu schwinden begannen. Er erklärte mit milde gesprochenen, aber klaren Worten Aurel es noch einmal, was er schon wenige Minuten vorher erklärt hatte.

Wir Juden waren nach 2.000 Jahren angekommen! Wir waren da, wohin G’tt uns hinbefohlen und geführt hat. G’tt hat uns das Gelobte Land versprochen, keine Eroberung, keine Feldzüge, kein Imperium fremder Landen war uns vorgesehen, sondern Glück allein im Gelobten Land. Er hat uns die Grenzen klar gesagt. Wir mussten nicht mehr irgendwo hin. Wir waren da, wir waren zu Hause. Was kann ein Mann mehr verlangen? Jerusalem war unser Mittelpunkt der Welt, die Heimstätte unseres G’ttes. Wo sollte ein Mensch anders hinwollen, als zur Wohnstätte G’ttes, seines G’ttes auf Erden?!“, entgegnete Jezer dem Kaiser mit einer Frage, die keine Antwort mehr abverlangte.

Und Jezer erinnerte sich an die Zeilen des Tacitus, der die Judenverfolgung Neros beschrieb: „Man verhaftete zuerst Leute, die bekannten, dann auf ihre Anzeige hin eine riesige Menge. Sie wurden nicht gerade der Brandstiftung, wohl aber des allgemeinen Menschenhasses überführt. Die Todgeweihten benutzte man zum Schauspiel. Man steckte sie in Tierfelle und ließ sie von Hunden zerfleischen, man schlug sie ans Kreuz oder zündete sie an und ließ sie nach Einbruch der Dunkelheit als Fackeln brennen.

So hatte Jezer, weil er kein Wissen über den Protagonisten hatte, lediglich den Hauch einer Ahnung, eine Eingabe über die ferne Zukunft gespürt, wonach Apions Verleumdungen von Millionen von Germanen und Arabern gebrüllt werden sollten. „Aber die Welt hat es geglaubt“, dachte sich Jezer. Protagonist!, er schleicht sich heran, Jezer schauderte es ein wenig im Nacken, doch da war niemand, sein Blick schweifte, der Umhang im Staub bewegte sich leicht, er lächelte in den Raum, als wisse er, dass es nicht der Luftzug ist, der den Umhang lüpf. Als Protagonist fühlte man sich da ein wenig unangenehm, wie ertappt: „Und die Welt glaubt es bis heute“, sagt der Protagonist.

Eine seltsame, eine absurde Idee, befand Jezer. Wie soll man eine Empfindung über ein Gerücht widerlegen? Er nahm seinen Flavius zur Hand und las: „…ich habe nämlich eine fünftausend Jahre umfassende Geschichte aus unseren heiligen Büchern in griechischer Sprache abgefasst.“ (zitiert aus: Apologie für das Alter des Judentums von Flavius Josephus, Übersetzung von: Institutum Judaicum Delitzschianum, Münster 2003).

5.000 Jahre Geschichtsschreibung! Was gäbe ich, hätte ich dieses Werk von Flavius jetzt hier“, sinnierte Jezer bei sich. „Die Griechen hingegen, ein junges Volk, voll von Fälschungen und Hochmut, denn sie mussten sich erklären und Rechenschaft vor der Geschichte ablegen. Erst kurz mit der Schrift vertraut und schon behaupten sie, mit ihrem Aristoteles begann die Liebe zur Weisheit und mit Homer die Geschichtsschreibung.

Was für ein Wahn und welche falsch absurde Behauptung. Griechen nagen an ihrer Niederlage, die wir vorbereitet und Rom vollendet hat. Aber nicht nur über uns, auch über die Ägypter schrieben sie schlecht. Klar, bei den Ägyptern haben sie gelernt und wir haben die Ägypter gelehrt“, sprach Jezer zu sich und fand in seinen Worten ein wenig Trost „…auch wenn sie so nicht ganz wahr sind…“, befand der Protagonist.

Jezer wusste für sich felsenfest, was ihm Zuversicht gab: Der Bund war ewig, denn der Auszug aus Ägypten ward vor seinem Auge, als wäre es gestern gewesen. Alle Wunder, die sie erlebten waren in der Struktur des Universums angelegt. Das Wunder ist, dass keine Besonderheit, keine Intervention im Spiel war. Alles war im Akt der Schöpfung selbst als Naturgesetz angelegt. Kein Zauber, keine Magie. „Durch vier Stufen der Befreiung gingen wir … als Vorbild für alle, damit man von nun an weiß, wie Freiheit erklommen wird … “, sagte Jezer: „Zuerst das Ende der Pein und Ausbeutung, worauf die Beendigung des Herrschaftsverhältnisses folgt als Voraussetzung für die Erlösung: Wir gehen als G’ttes erste Liebe und sind nicht mehr Fremde und werden erwählt und vereinigen uns mit G’tt am Berg Sinai mit einer Träne im Auge.

Jezer, was beweinst Du mich? Weine um die Pest und das Sterben aller, denn bald werdet Ihr wieder die Opfer. Nimm Dir hier ein prächtiges keltisches Weib vom Limes oder „Danu“, wie die Heimischen hier den Fluss nennen, und rette Dein Leben. Ich schenke Dir die Freiheit, wie Du es mir gelehrt hast: Denn ihr seid keines Menschen Herr und keines Menschen Sklaven“, flüsterte Aurel mehr schon, denn er sprach.

Die Jahrtausende hielten inne und merkten auf. Flüstern lässt jede Macht aufhorchen. „Lass einen Schreiber kommen, rasch. Ich möchte das Fasten beginnen, reich mir den Becher mit dem Schlaftrunk, um den Moment des Todes selbst zu wählen und mit den Worten Deines alten Gebetes zu sterben. Denn sag, Dein G’tt, er verzeiht wirklich alles im letzten Atemzuge des Lebens?“ „Ja, wenn es Dich aufrichtig reut, Ja“, sagte Jezer ben Naftoli.

Danu…“, dachte Jezer weit abschweifend bei sich, und ließ das Wort in seinen Erinnerungen zerschmelzen, tastete und befragte es. Konnte es sein, dass es von „Dan? Danu-u … nein, unmöglich, oder doch? Kann es sein? Der Stamm vom Bruder meines Erzvaters? Welche eine Fügung wäre das!

Der Monat des Stammes Dan ist der Tevet und die Stammesfarbe blau. Dan, die Verteidiger der Menschheit, memorierte Jezer vor sich hin. Der Monat vom Stamm Naftali ist der Adar und seine Farbe ist das tiefe Weinrot, ihr Buchstabe ist „Ken“, was für die Zahl 100 steht. Eines der vielen Rätseln, die er sich für unruhige Nächte zum Grübeln beiseite legte. Eine wärmende Idee, er liebte es, alte Rätsel zu wälzen. Ihm fiel ein altes Schabbatgebet der Dan ein: „Der Hungrige geht zum Essen, der Durstige zum Wasser, aber ich, ich will nach Jerusalem gehen.

Für Jezer war der Stamm Dan unterhalb von Ägypten im tiefen Süden Afrikas verloren gegangen, da „…wo einst Moses für Ägypten gegen die Äthiopier gekämpft hat. Hatte die Tochter des Königs von Saba vielleicht deshalb Liebe über die Wehrmauern und Kämpfe hinweg für Moses verspürt, weil sie dasselbe Blut Abrahams spürte?“, fragte sich Jezer, denn er hatte einmal eine solche Geschichte, die er mehr als Legende sah, von einem weisen Alten seines Volkes erzählt bekommen. Aber vielleicht haben sie sich gespalten, sinnierte er, „…groß genug war der Stamm ja.“ Gewiss ist er sich aber bei den anderen Stämmen, wie Judäa, der sich ebenfalls spaltete. Die einen gingen Richtung Armenien, die anderen auf die Balearen, von wo sie Wege nach Spanien fanden; so auch die Familie Tiberius, seines Bruders.

Beide haben den Vater gemeinsam, aber verschiedene Mütter. So gehörte Jezer dem Stamm der Naftoli und Tiberius dem Stamm Judäa an. Nordreich – Südreich. Die alte Geschichte. Der Norden verlor mit Absicht, um den Süden zu bewahren. Er opferte sich und ging in die Diaspora. „Menasche, Menasche, …“, sinnierte Jezer weiter. „Ja, der ging Jenseits von Indien und darüber hinaus auf eine ferne Insel. …und Gad, nach Griechenland, so war es!“, frohlockte Jezer. Ihm gefiel diese Idee.

Er entsann sich der Zeilen Tacitus, der auch die Verwandtschaft zwischen den Kretern und den Juden sah und ahnte: „Da ich nun darangehe, vom letzten Tag dieser berühmten Stadt zu berichten, erscheint es angemessen, ihre Anfangsgeschichte darzulegen. Die Juden haben, so berichtet man, als Flüchtlinge von der Insel Kreta die entlegensten Gebiete Libyens besiedelt, zur Zeit, da Saturn, von lupiter gewaltsam vertrieben, von der Herrschaft zurücktrat. Den Beweis sucht man im Namen: berühmt sei auf Kreta der Berg Ida und seine Anwohner, die Idäer nenne man mit einer in Barbarensprachen üblichen Erweiterung „Judäer“.“ (Tacitus, Historien 5/2)

Viele der anderen Stämme, so erzählt die Legende, sollen sich im Land hinter dem sagenhaften Fluss Sambation gesammelt haben und warten. Er soll ein Fluss tief im Osten Asiens sein, der an sechs Tagen mächtig Schlamm und Geröll führt, so dass kein Mensch ihn überqueren kann. Erst am siebenten Tag können alle Menschen, eben aber nicht Juden, den Fluss überqueren, denn da ist der Fluss still, ruhig und sanft und führt mildes Wasser. Doch die Juden können und wollen ihn nicht übersetzen, denn dieser siebente Tag ist der Schabbat, was ihnen die Überquerung des Flusses verbietet. Der Schabbat ist heilig.

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