Hoffnung: Die Mauern von Jerusalem. Kapitel 2/Abschnitt 4

Eine Keltin und ein Jude bewahren den wichtigsten Schatz der Menschheit, die Verschwörung gegen Juden, ein Virus bedroht alles, Menschen mit Down-Syndrom retten das Universum, ein verlorenes Amulett bei Wien erzählt die verleugnete Geschichte der Todescos (Wien) und die Menschheit entdeckt das Raum-Zeit-Leben Kontinuum. Ein prosa-mythopoetisches Pardes über das Wort “יז” aus der Zukunft jagt durch die Gegenwart. Alles verbunden im Quantenfeld durch das Raum-Zeit-Leben-Kontinuum, wo Philosophie und Artificial Intelligence sich umarmen, erzählt vom philosophischen AI-Avatar ‘Der Protagonist’.

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KAPITEL 2/Abschnitt 4 – ERSTE LEISTE: ROM

DER TOD AURELS

Jezer kehrte zum Bett des sterbenden Aurel zurück und setzte fort, die Stirn Aurels zu kühlen. Erste Vorbereitungen für die vielleicht letzte Nachtruhe waren zu treffen. Vorbereitungen, die sie gemeinsam schon sechs Tage jeden Abend hielten, denn heute konnte es für immer seine letzte Nachtruhe schon sein.

Aurel, erzähl mir doch von den Saliare, Deinem Orden, in dem Du aufgewachsen bist!“, fragte Jezer wissend, dass dies bei Aurel die seligsten Erinnerungen hervorrief. Aurel begann leise, die alte Weise ‘Carmen Saliare‘ zu singen, die er als Knabe im Priesterorden ‘Salier’ lernte: „… divum em pa cante, divum deo supplicate… cume tonas, Leucesie, prae tet tremonti quot ibet etinei de is cum tonarem … cozevi oborieso. Omnia vero ad Patulcium commissei. Ianeus iam es, duonus Cerus es, duonus Ianus. Venies potissimum melios eum recum…

Niemand heute verstand vollständig dieses alte Latein. Auch Aurel nicht. Es war schon zu seiner Zeot ein altes Latein. Jezer hob an, eine Lobpreisung zu sprechen, die bald zu alten Worte werden sollten in einer für ihn fernen Zukunft. Er stütze seinen Kopf mit der linken Hand, mit der er zugleich die Augen bedeckte, und die rechte Hand in die linke abgewinkelte Armbeuge gelegt:

Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde – sein Reich erstehe in eurem Leben in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in nächster Zeit, sprecht: Amen! Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten. Gepriesen und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, jeder Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde, sprecht Amen. Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprecht Amen. Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, er stifte Frieden unter uns und ganz Israel, sprecht Amen.

Damit hatte Jezer Marc Aurel die ersehnte, letzte Antwort gegeben. Tiberius war sein Bruder, und er, Aurel, ein wenn auch entfernter Verwandter Jezers. Ein merkwürdiger, ein bemerkenswerter Ring schloss sich. Mehr Traum aus der Zukunft, denn Vergangenheit, ganz nach der Leiter eines Baal HaSulam.

Jezer, sag Tiberius, Deinem Bruder und meinem Schwiegersohn, dass ich Euch um Verzeihung bitte; ich habe viele Deines Volkes für ein wenig Ruhe und Macht umkommen lassen. Der Friede und Wohlstand aller…Ha, kannst Du Dich erinnern wie Tiberius die Kaiserkrone verweigerte und nie das Knie beugte? So ein halsstarriger Wirrkopf, aber mein bester Tribun“, sinnierte Marc Aurel lächelnd. „Wir sind ein halsstarriges Volk, in der Tat, unser Herr hat uns dafür 40 Jahre durch die Wüste ziehen lassen. Wir erinnern uns daran heute noch gerne, jedes Jahr!“, antwortete Jezer spöttisch gegenüber Aurel, und störrisch herausfordernd gegenüber G’tt.

Wie, ihr verzeiht Eurem G’tt nicht und hadert mit ihm?“, fuhr Aurel überrascht auf und bemerkte bei sich leise: “Du warst nie mein Sklave.“ „Ja, wir streiten mit G’tt, nichts anderes heißt Israel: der mit G’tt streitet. Täglich, mindestens zwei Mal“, seufzte Jezer fort und sagte: „Ich war nie Dein Sklave, ich war Dein Freund und bin aus freien Stücken geblieben.“

Ihr Juden, ihr überrascht mich immer wieder, ihr beugt Euer Knie nur vor Eurem Herrn und einem Sterbenden sprecht ihr die Wahrheit. Aber ich habe auch eine Überraschung für Dich“, sagte Aurel zu Jezer und bedeutete ihm, eine Truhe nahe dem Bett zu öffnen. Es lag darin eine prächtige Prunkrolle des Werkes „Antiquitatis Judaicae“ von Flavius Josephus. Er opferte sich, trat fast schon unterwürfig in den Dienst Rom, nur um die Erinnerung an Jerusalem zu wahren und fortzusetzen. Er opferte sich und verriet scheinbar sein Volk. Denn Flavius war klar, diese Schlacht hatte Jerusalem verloren.

Ich weiß, dass Du es Dir schon lange gewünscht hast; ich habe es in Deinem Tagebuch gelesen. Ja, verzeih mir, aber vor dem Auge eines Kaisers darf nichts verborgen bleiben, gerade bei seinen Nächsten nicht!“, sprach Aurel. Jezer nahm wortlos mit einem Blick gemischt aus Dank und Zorn die Rolle an sich und umfasste sie gepresst an seine Brust mit beiden Armen.

Zum Glück hatte Jezer kalkulierend gewusst, dass der Kaiser sein Tagebuch las und daher nur Dinge geschrieben, die unverfänglich waren. Ohne Bedeutung. Kaum an Oberflächlichkeit zu übertreffen. Tagebuch, auch so eine kleine Erfindung von Jezer. Er fand die Rollen immer sehr umständlich und eines Tages hatte er die Eingebung, eine Rolle in gleichmäßige Abschnitte zu zerschneiden, aufeinander zu legen und mit warmem Wachs die Blätter rechtsbündig zu verbinden. Das Buch war erschaffen. Es war Zeit.

Aurel hatte lange genug gefastet, er sollte nicht mit dem Gefühl von Hunger einschlafen, denn ob er heute oder morgen sterben würde, wird woanders entschieden. Jezer gab ihm seinen Pokal mit dunklem Wein versetzt mit verschiedenen Schlafkräutern, wie an jeden Abend. Aurel nahm mit seiner schwachen greisen Hand den Pokal und trank mit einem tiefen Seufzer ihn leer. Aurel liebte den nach Zimt, Myrrhe, Waldbeere und Honig schmeckenden Wein. Es war ein schwerer Wein, gewonnen aus der Traube ‘primo primitivo’, wie die erste Traube genannt ward.

Erinnerungen an die Jugend, den ersten Kuss und an die Kraft seiner Herrlichkeit sprangen aus Aurels Brust hervor. Saftige weite grüne Wiesen, überdacht von so einem prallen Himmelblau, dass das Blau an den weißen Staden in kräuselnd warmes zartgrünes Meerwasser überging, ohne sagen zu können, wo der Himmel, wo das Meer, wo das Leben endet. Unsterblichkeit, Unendlichkeit und Tod dicht gedrängt, nebeneinander. Wie Zufall und Schicksal nah zueinander liegen, so auch Unsterblichkeit, Tod und Unendlichkeit.

Aurel sank mehr und mehr in seinen letzten Schlaf hinein, der Traum vom Meer und dem Himmel und der jungen Frau an den Staden. Die Bilder des Traums entglitten, es blieb nur mehr und mehr ein ovaler Lichtkranz. Das Licht seiner Augen begann zu schwinden, die Augen waren trüb geschlagen, Aurel blickte fern in seinen letzten Traum hinein, in seine letzten Bilder, mit gemeinsamem letztem Atemschlag, Jezer stützte Aurels Worte mit seinen Worten und gemeinsam sprachen sie im Gleichklang mit ihrem Atem: „Schma Israel, Adonai elohenju, Adonai echad.

Jezer umfasste mit seinen Lippen die Lippen Aurels. Er hauchte seinen Atem in den Atem Aurels ein, um den letzten Herzschlag, den letzten Atemzug noch einmal zu verlängern bis zum letzten ihm, Aurel, geborgten Atemzug.

Der letzte Dienst des Ersten Knechts, des Seneschallen ward getan. Die Seele hatte Marc Aurel verlassen, um in das Bündel des Lebens einzukehren. Jezer fühlte, es war nicht nur der Tod eines Menschen. Aurels Tod war ein Limes durch die Zeit. Er sollte Epochen trennen und den Untergang der antiken Welt besiegeln. Jezers alte Augen sahen zum zweiten Mal ein Band durch die Zeit sich winden, das Epochen trennen sollte. Der erste Fall der Welt war der Fall der dunklen alten Welt, der mit dem Untergang Ägyptens besiegelt ward. 6000 Jahre Geschichte und Kontinuität waren beendet, wer weiß das heute schon genau.

Manche sagen, sogar vor den Ägyptern bestanden große Reiche, die schon zu der Zeit der Ägypter große Sagen waren. Es sollen Reiche von Riesen, wie die Nephelim, die Anakiter oder die Rafaiter, gewesen sein, wie die Tora berichtet, aber auch andere Berichte anderer Völker kennt Jezer die von Riesen sprechen, wie den Titanen, die Atlantiner, Trolle oder die Thursen. Ja, er hat auf seiner langen Wanderschaft mit der römischen Armee kein Volk kennengelernt, das nicht von Riesen zu berichten wusste.

Für Jezer war es gewiss, es gab Reiche der Riesen dereinst. Lange vor der Geschichte der Menschheit und zu der Zeit der Saurier, sagte der Protagonist. Ihre Geschichten liegen im Dunklen. Bald wird auch die Geschichte der Menschheit im Dunklen liegen. Das Virus erwacht. „Unruhige Zeiten. Zahlreiche Reiche werden wohl kommen und gehen. Viel Leid“, dachte Jezer bei sich.

DIE ROTE KUH

Nach 17 Jahren war es Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen“, sagte Jezer bei sich, dem die Koinzidenz zwischen dem Todestag und der Anzahl von Jahren seiner Dienerschaft natürlich auffiel: „G’tt will wohl, dass ich es nicht übersehe“, sagte Jezer halblaut in die Nacht hinein, denn es war auch Schabbat an jenem Tag, wie er denn schon seit 3000 Jahren gehalten wurde.

Das hingegen wusste Jezer ganz genau für sich, dafür brauchte er keinen Wink des Ewigen und lächelte bei dem Gedanken. Der Ewige würde den späten Beginn des Schabbats ihm verzeihen, hoffte Jezer und setze die Verfehlung dieses heutigen Tag auf die Liste für Jom Kippur, den Tag der Versöhnung, der Umkehr, des Bittens um Gnade vor G’tt für Verfehlungen und Sünden gegenüber G’tt.

Der Schabbat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Schabbat“, schloss Jezer den Gedanken für sich in versöhnlicher Weise ab. Sein Gedanke war rein und lauter. Es gab aber auch andere Auslegungen. So erzählt man sich von einem Weisen, der zu Schabbat sogar das Denken einstellte, um nicht in Gefahr zu laufen am Schabbat aus Versehen einen unreinen Gedanken zu haben oder gar an seine Arbeit – das Denken – zu denken.

Der Kaiser war tot. Es war Zeit, rasch das Weite zu suchen, dachte Jezer bei sich, denn Folter war dem Ersten Knecht sicher, um auch die letzten Geheimnisse seines Herrn aus ihm herauszureißen. Und dann der Tod. So ist das. Das Gesetz der Herrschaft. Den Brief der Freiheit, den schrieb er sich selber, wie er schon viele Briefe für Aurel eigenständig verfasst, geschrieben und versiegelt hatte. Er wusste ja um jede Intrige und Wendung, war er doch der Erste Knecht des Kaisers.

Feines Schreibleder war im Zelt des Kaisers stets zur Hand, wie auch genug Siegelbänder und in Überfülle verschiedene Siegellacke vorhanden waren, welche aus gehärtetem Ochsenfett, gemischt mit Bienenwachs und Silber, hergestellt worden waren, eingefärbt mit dem Purpur seltener Schnecken oder anderen Farben, je nach Bedeutung und Zweck. Eine Legierung, wasserfest und für Jahrhunderte gemacht. Man dachte in Jahrhunderte.

Das Geheimnis der Aufbewahrung des Kaiserlichen Siegels wusste Jezer wohl, hatte er doch selbst das Versteck angebracht. Es war eine Art umgekehrte Beschneidung, wie seit Jahrhunderten Juden diese für die herrschenden Römer ausgeführt hatten, außer eben bei Hadrian, dem Wahnsinnigen. Die Beschneidung hatte Juden zu sicheren Operateuren reifen und auch geeignete Instrumente entwickeln lassen.

Eine kleine feine Kalbsledertasche, geschnitten aus dem Fell eines frisch geborenen weiblichen Kalbes, welches noch nie die Milch der Mutter gekostet hatte und noch rot vom Blut der Geburt war: Die rote Kuh.

Weich und völlig frei von jeglichem Makel. Das gesegnete Kalb, ohne Pein und Schmerz mit sanfter Hand und beruhigenden Worten innerhalb eines Wimpernaufschlages durch einen einzigen vollendeten Schnitt, der gleichzeitig Luft- und Speiseröhre sowie beide Halsschlagadern in einem Zuge mit einem Messer, feiner und schärfer als die beste Damaszenerklinge, trennte, seine Seele G’tt übergab.

So wurde seine Seele dem Ewigen rein übergeben und der Körper blieb dem Menschen zum Gebrauch. Nach den alten Regeln geschächtet, war diese Haut besonders gut für die Gerbung geeignet, die man mit reichlich und starkem Palmweidesud unter Zufügung des Saftes vom Etrog, einer Art Zitrusfrucht und der Zitrone ähnlich, aber weder bekömmlich noch wohlschmeckend, erzielte, und Knochenasche. Das so gegerbte Stück wurde in Rinde der Libanonzeder für 40 Monate eingeschlagen. Der Rest der Roten Kuh wurde zur Heilasche verarbeitet und für die spirituelle Reinigungen des Volkes verwendet.

Diese kleine Tasche, eigentlich mehr Falte, geschlossen mit einer feinen und reinen Silberbrosche, lag eingenäht direkt unter der linken Brust. Der Schnitt, gleich einer kleinen Obstschale gezogen, wurde mit sieben Stichen vernäht. Schmerzhaft eingesetzt, gewiss, aber ein sicherer Bewahrungsort. Dämpfe von heiligem Wein waren Betäubungsmittel. Eine schmerzhafte und durchaus gefährliche Operation, die mit dem 13.ten Lebensjahr ein jeder Kaisersohn über sich ergehen lassen musste. Wer dabei starb, der ward nie geboren. Seine Existenz wurde aus dem Buch des Lebens ausgetragen.

Sein Buch wurde geschlossen und verbrannt wie sein Leib. Jezer trat aus dem wohlig beheizten, aber bescheiden ausgestatteten Zelt des verstorbenen Aurel, welches nur über vier Zelträume verfügte, heraus. Die ersten Sterne waren schimmernd schon auszumachen. Nur wenige wussten, dass Aurel in Wahrheit in einem Zelt lebte und nicht in einem der üppigen Paläste bei Carnuntum. Es war Tarnung und Täuschung und auch Schutz, denn sollten feindliche Truppen durchbrechen, dann würden sie den Kaiser an einem Ort des Luxus und nicht in einem schlichten Zelt suchen.

Es war eine klare, eine kalte Nacht. Im Fackelschein sah man den Atem und Jezer sog gierig die Luft zwischen die Zähne tief in seine Lungen hinein. Das fühlte sich gut an nach der stickigen Luft von Wärme, Tod, Schweiß, Blut, Exkrementen und Angst im Zelt. Der Tod duftet nicht nach Gan Eden. Er stinkt immer. Er nahm einen langen Blick gegen den Himmel, schüttelte den Kopf und ging zu seinem Pferd.

Er schwang sich mit einem Zuge rauf, denn groß war das erdbraune Pferd nicht. Mit einer kurzen schnippenden Berührung des linken Ohrs setze sich sein Pferd Bukephalos in Bewegung. Jezer fragte sich, ob Pferde denken und wissen, was sie tun. „Sie müssen unwissend und ohne Gedanken sein, wie sonst kann es sein, dass sie uns als Lasttiere dienen?“ Irgendetwas störte Jezer bei diesem Gedankengang; er wusste intuitiv, es konnte nicht richtig sein, aber er wollte Pferden keine Gleichwertigkeit zugestehen. Und einer anderer Spltter eines Gedankens quälte ihn. War nicht auch er ein Pferd, ein Pferd G’ttes, das die Last trägt, die Mitzwot? Was unterscheidet das Tier vom Menschen. Nichts, sagen die Weisen.

In ruhigem Trab ging es aus Carnuntum in Richtung Vindobona zu seinem Bruder, der Schnee knirschte unter den Hufen und weites, dunkles Ackerland lag vor ihm. In der Weite konnte man Vindobona sehen im Schimmer zahlloser Feuerlager. Der Gedanke, dass sein Pferd wie das Pferd von Alexander dem Großen hieß, amüsierte Jezer immer wieder. Warum genau, wusste er selber nicht. Er hatte sich seine braune Ledertasche aus gutem Schweinsleder sich umgehängt, in der sich neben Wein aus Eretz Israel allerlei Kleinigkeiten fanden, wie auch und vor allem sein Brief der Freiheit, die Tora und nun drei Bücher von Flavius Josephus. Und der Schatz.

Er machte dem Pferd das Licht an, denn die Wege waren dunkel. Er nahm die Öllaterne, entzündete den Docht und befestigte die Laterne am Eisenhaken, der mit einer Manschette die Holzstange umfasste, die an dem eigens dafür gefertigten Brustgeschirr befestigt wurde. Die Stange ragte so mit der Laterne über den Kopf des Pferdes rund eine Elle weit in die Höhe und rund drei Ellen in den Weg hinein. Er war sehr stolz auf seine Konstruktion, die immer wieder Erstaunen und Verwunderung hervorrief, war sie doch so simpel wie effektiv.

Jezer saß fest eingehüllt in einem dicken Filzumhang, der innen mit Fell ausgelegt war, die rechte Hand am Kurzschwert und das Schild am Rücken befestigt, denn trotz der Kälte ruhten weder der Feind noch die hungrigen Wölfe und andere wilde Kreaturen, von denen man reden hörte an den Lagerfeuern. Er wusste aber, dass er im sicheren Blick der steinernen Wachtürme war, zudem er Aurels Zeichen als Leibsklave trug. Sollte etwas geschehen, dann wäre innerhalb von zehn Minuten Hilfe da. Das war der Sinn des Limes.

Aber eines verstand Jezer nicht. Wozu der gesamte Limes? Eine gewaltige Wehrmauer vom hohen Norden über den Süden, den Rhein und die Donau entlang bis tief in die Karpaten hinein, die eine grüne Wüste anstarrt, wo es zwar Menschen, aber nur wenige, die zudem kaum über Güter verfügten, gab? Wild, kriegerisch wohl, sicher, kein Zweifel, aber dafür eine Wehrbefestigung zu erbauen, wie sie Europa noch nicht gesehen hatte?! Es wäre so, als würde man durch die Wüste einen Zaun ziehen. Militärisch sinnlos, aber eine mächtige Botschaft, die sagte: Hier ist Rom!

Geht es immer nur um Botschaften?, fragt sich Jezer. Jezer war schon fast bei seinem Bruder, das Pferd fand alleine den Weg und tat brav seinen Dienst, den Brief seiner Freiheit hielt er in der Hand, denn dass sie Brüder waren, musste ein Geheimnis bleiben. „Das Geheimnis war so gut bewahrt, dass sich das Wissen nach drei Generationen verlor“, so der Protagonist. Jezer nahm einen festen Schluck aus seinem Trinkbeutel, welcher aus dem Leder von Ziegeneuter gefertigt war. Man nahm berechtigt an, dass Euter dicht seien hinsichtlich Flüssigkeiten.

Ein scharfes Gebräu aus dem hiesigen Obst. Zuerst gegärt, dann verbrannt, um den Dampf durch enge Eisenröhren zu ziehen, die dann Tropf für Tropf bildeten, welche schließlich aufgefangen wurden in kühlen Gefäßen aus Ton. Das ‘Wasser’ schoss durch seine Kehle und schien ihm seine Kehle zersetzen zu wollen. Durchsichtig, scharf und hitzig. Genau das richtige für kalte Nächte. Das Pferd trabte durch das Tor. Die Parole wurde gefragt, grimmig der Halt abverlangt, als würde der Feind mit einer beleuchteten Mähre und Ein-Mann-hoch die Festung mit einem schweren Lederbeutel an der Seite stürmen wollen.

Soldaten, vor allem kommandierende Soldaten, nehmen sich immer und überall zu wichtig, zu ernst. Das ist definitiv so“, dachte Jezer grün bei sich. Bald würde das übliche Gestammel folgen, man hätte ja nicht wissen können, wenn man geahnt hätte … „Dieser Ort macht wohl jeden Mann zu einer bürokratischen Duckmaus. Was hat dieser Ort, dass er Euch alle weich macht?“, sagte, denn fragte Jezer mehr, erwartete er doch ernsthaft keine Antwort auf seine Frage. „Die Kontrolle ist richtig und gut angeordnet …“, beruhigte er den Torkommandanten. Sachlich und mit schneller Hand wurde Jezer auf dem Pferd sitzend kontrolliert, die übliche bewundernde Bemerkung über die Laternenkonstruktion folgte, und fertig. Das Pferd trabte weiter. Das Pferd kannte schon die Prozedur und auch den Weg. Das Pferd hätte nach Vindobona auch ohne Laterne gefunden, doch das wusste Jezer nicht. Das war das Geheimnis des Pferdes.

Sie passierten das mächtige Westtor. Es war 2o Meter hoch, aus festem Gestein, rundum Palisaden aus dem hiesigen Holz, eine Wachturmterrasse gut bestückt, eine zweispurige gepflasterte Straße mit einem mächtigen Flügeltor, welches nur mit Seilwinden geöffnet und geschlossen werden konnte. Das Tor war das mächtigste Gebäude in einem Umkreis von Hunderten Kilometern. Hier war Rom.

Bukephalos trabte durch das Tor und ging die Wipplingerstraße Richtung Hoher Markt hinauf, wie man die Topographie im 20. Jahrhundert bezeichnete. Auf der Höhe der zukünftig heutigen Nummer 17 bog Bukephalos rechts ab und blieb unvermittelt stehen. Vor ihm stand ein Mensch. Es war eine Frau. Sie war klein, untersetzt und athletisch-kräftig. Unter der dicken, weiten Mantelkutte konnte man dennoch die prallen Formen wuchtig und in kühnen Linien wahrnehmen, die Abbild fanden in üppigen fast dunkelroten Lippen, die den klaren forschen Linien eines asiatischen Bogens glichen, hohen Wangen wie Bögen von Aquädukten mit glühenden tannengrünen Augen, geschwungen als eine Form zwischen Mandel und Apfel. Über all diese Pracht erhob sich über dem ovalen Gesicht mit hoher, edler Stirn und zartem mehr hellem denn olivgrünen ebenmäßigen Teint ein Wirrsal und Irrsal tief pechschwarzer Locken. Die Lider bunt bemalt nach römischer Art und der Kohlestift ägyptisch gesetzt. Die Zähne, und dies konnte man sogar in der Dunkelheit gut erkennen, waren blendend weiß und von gutem Wuchs. Die Kleidung war aus edlem Stoffe gefertigt, wie Jezer gleich erkannte.

Erschreckte, aber auch erzürnte Augen blickten Jezer an. Die linke Augenbraue hoch nach oben in spitzem Bogen gezogen, die keinen Widerspruch duldete. Jezer neigte sich herab und suchte Worte der Entschuldigung und fragte sich nicht, was denn eigentlich eine Frau alleine in tiefer Nacht jenseits der Ausgangssperre, noch dazu offensichtlich keine Römerin, zu Fuß in einem Militärlager trieb?!

Die Frage drückte sich langsam heraus, wie das Aspik eingelegter Wachteleier, aus seinen Hirnwindungen hinunter zur Zunge, doch bevor sie in Worten Niederschlag und Ausdruck fand, stammelte er eine Entschuldigung und fragte nach dem Befinden. Es konnte und war auch nichts geschehen, denn da war der kluge Bukephalo vor, der ihn an Haltung in diesem Moment übertraf. Es war die Plötzlichkeit, die Überraschung, die schreckte. Er konnte innerlich nicht abtun, dass die Frau ihn beeindruckte und ihm gefiel, über die Maßen gefiel. Sie wirkte durch und durch … lustvoll gebärfähig. Ein heißes Bauchgefühl überkam ihn, das nicht vom Schnaps herrührte. Sie sprach ihn in Latein mit stark keltischem Akzent an und bat ihrerseits um Entschuldigung. Sie wollte sich schon rasch wegdrücken, da fragte er noch schnell nach ihrem Namen, indem er mit dem Pferd ihr den Weg blockierte.

Danu, ich heiße Danu. Ich bin auf dem Weg zu … zu einer Gesellschaft.“, sparch Danu schnell. „Kann ich Euch mitnehmen, setzt ruhig auf“, frug Jezer unsicher mit nicht sehr klarer und eher unbestimmter Stimme und kam sich ziemlich dümmlich vor. Sie log, das war offensichtlich.

Ein laut rumpelndes Fuhrwerk kam des Weges, das Pferd scheute ein klein wenig, Jezer zog seine Aufmerksamkeit weg und als er auf die Stelle blickte, wo Danu stand, war da die Leere. Sie hatte den Moment geschickt genützt und sich in einen Seiteneingang oder eine Seitengasse verdrückt. Jezer setze etwas betrübt seinen Weg zum Zelt seines Bruders fort und musste an die Frau und ihre Begegnung denken. Als Protagonist füge ich an dieser Stelle ein:

Einzig ein Liebesbrief von Jezer an seine künftige Frau Danu, den als letzter sein ferner Nachfahre Hirschl-Meyr in der Hand hielt, sollte Zeugnis geben von ihm und seinem Bruder. Er, der Brief, verbrannte in dem Feuer der Wiener Gesera und die Kunde darüber wurde nur mehr mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Heute ist weniger als ein Gerücht davon über geblieben. Es ist eine unsichtbare Linie geworden, für den Menschen nicht sichtbar, für die Seelen aber wohl. So wandern sie darauf hin und her, ab und hinauf. Im Brief soll geschrieben stehen: Bei den Gazellen und Hirschen auf der Flur beschwöre ich euch, Jerusalems Töchter: Stört die Liebe nicht auf, weckt sie nicht, bis es ihr selbst gefällt. Vergessen wir nicht, wer die Freiheit uns gab. Marc Aurel! (…) Meine geliebte Frau, fahr zu meinem Bruder und Deinem Schwager Tiberius Claudius Pompeianus und bitte ihn (…). Ich schließe meine Zeilen mit einem Dir bekannten Gedicht aus (…): ‘Deine Augen glänzen wie Trauben hinter deinem Schleier hervor. Deine Haare sind wie Herden von Ziegen, die vom Gebirge Gilead hüpfen. Deine Zähne sind wie eine Herde frisch geschorener Schafe, die aus der Schwemme heraufkommen, jeder hat seinen Zwilling, keinem von ihnen fehlt er. Wie eine karmesinrote Schnur sind deine Lippen, und dein Mund ist lieblich. Wie eine Granatapfelscheibe schimmert deine Schläfe hinter deinem Schleier hervor. Dein Hals ist wie der Turm Davids, der rund gebaut ist. Tausend Schilde hängen daran, alles Schilde von Helden. Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge der Gazelle, die in den Lilien weiden. Wenn der Tag verhaucht und die Schatten fliehen, will ich zum Myrrhenberg hingehen und zum Weihrauchhügel. Alles an dir ist schön, meine Geliebte, und kein Makel ist an dir.’ “

Es geht bald weiter. Abonnieren Sie kostenlos den Newsletter von VonNaftali und Sie werden informiert, wenn der nächste Abschnitt von ‘Hoffnung: Die Mauern von Jerusalem’ publiziert ist.

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