Über einen Irrtum und andere Mythen des Crowdfundings

Die Zeiten werden schwieriger. Früher konnte man sich auf Subventionen verlassen, wenn man über die notwendigen Beziehungen verfügte. Heute ist es schon schwieriger, die Töpfe sind kleiner und es werden vorranging die engeren Zirkel bedient.

Früher hatte man gesunde Unternehmen, heute, seit der großen Wirtschaftskrise 2009, fließen die Sponsorgelder nicht, sie tröpfeln.

Früher hatten Organisationen und Medien Mobilisierungskraft, heute sind sie von Social Media aber auch durch eigene Fehler ins Eck gedrängt und schauen von der Reservebank zu.

Früher gab es Banken, heute sind es alimentierte Staatsbetriebe, die klamm sind und kaum noch Kredite für Investionen vergeben.

Früher waren keine goldenen Zeiten, aber sie waren anders. Diesen Wandel haben viele Unternehmen und NGOs nicht nachvollzogen.

Dies vor allem in Staaten, wo der Korporatismus blüht, aber unter Ressourcenmangel leidet. Neue Strukturen, Möglichkeiten und Wege werden abgewehrt, aber die alten sind voll von Schlaglöchern, geschweige denn Autobahnen zu sein: Man nennt das Kind “Reformstillstand”.

Man fürchtet die Reformen, denn man ahnt instinktiv, die alten Wege des Antechambrieren, Mauscherln und Dealen sind kaputt. Er geht nur für wenige, die über das robuste Schuhwerk von Seilschaften verfügen.

Reform meint die Aufgabe alter Gewohnheitsmuster und Anspruchshaltungen, was – man versteht – schwer ist. Niemand mag gerne einen goldenen Käfig verlassen, auch wenn das Blattgold schon längst ab ist und der Rost durchscheint. Die Hoffnung, die Faulheit und das bequeme Ausreden sterben zuletzt. Da kam dann Crowdfunding!

Ein Wunderding aus dem Web, aus der New Economy, hat da was mit den Buzzwörten Sharing-Economy, Crowd und mehr zu tun. Wow. Awesome. Der neue Bankomat ist gefunden. Irgendwie auch noch ein rebellischer Gestus bei, wir da unten, ihr da oben und so…Man spannt mal schnell seine gewohnte Hängematte auf, sprich reicht sein Projekt ein, und wartet dann, dass ES passiert.

Aber, … ES passiert nicht …Man versteht die Welt nicht. Man hat doch ganz viel gearbeitet, wie das Projekt in ein wirklich böses CMS eingepflegt, Formulare ausgefüllt und gescannt!! – erinnert einem an das Früher, die goldenen Zeiten, man fühlt sich so richtig kuschelig – ein paar Freunde gemailt, die frohe Nachricht “Man Crowdfunded nun!” wird auf der – kaum besuchten – Website verkündet und den ewig gleichen Newsletter an ganz viele Menschen geschickt; freilich, man hat sich nie die Bouncerate angeschaut, viel zu kompliziert die E-Mail-Engine dahinter.

Man ist froh, dass man versenden kann. Und ja, auf facebook ist man auch. Einmal posten und 1,3 Milliarden Menschen wissen es … schon beeindruckend.

Aber dann, das Erwachen, der Schock: ES passiert nicht. Man wird nervös, man wird grantig, man wird böse und sauer. Wer ist schuld! Klar, die Crowdfundinplattform! Man stellt mit Schrecken, Abscheu und Entsetzen fest: Nein die Plattform ist kein Goldesel, kein Bankomat, wo man mal den PIN 0000 eingibt und beliebig viel sich beheben lässt auf Kosten anderer.

Die Welt ist anders: Man muss kommunizieren, hört man, täglich, mindestens drei bis vier Stunden, Video erstellen, einen Blog führen, eine Road-Show inszenieren, Menschen, die man nicht kennt, anrufen, Begeisterung herstellen und dies 30 lange Tage. Ja, und Pressearbeit…Und am Ende des Tages wird der Erfolg auch noch gemessen in Euro, man wird gefragt warum, wenn es nicht klappt.

Aber Crowdfundingplattformen sind Social Media und ein wenig Share-Economy. Mittlerweile hat es der Dümmste verstanden, wenn er nicht kommuniziert auf facebook&Co, gibt es keine Wahrnehmung. So ist es auch mit Crowdfunding. Aber, nun ist auch Social Media nur mehr ein Channel der Unverbindlichkeit mehr. Man muss auf die Straße, was machen.

Crowdfunding bietet eine Plattform an für Kommunikation seiner Wünsche und Projekte. Nicht mehr, nicht weniger. Plötzlich Verantwortung tragen ohne schützendes Gremium, wo man über jeden soviel weiss, dass das Gremium lieber schweigt. Alte Konflikte brechen auf.

Es erinnert an frühere Zeiten, wo jede Organisation und Unternehmen seine Website wollte: Es war ein Fanal für Kompetenz- und Grabenkämpfe ohne Ende. Die Website wurde zum Schlachtfeld der Abteilungen und Seilschaften, wo die eine hoffte endlich über die andere triumphieren zu können.

Webagenturen mutierten rasch zu Unternehmensberatern und Mediatoren; waren damit aber auch oft überfordert, denn sie sind ja eigentlich Nerds, die es auch nicht so mit der Kommunikation haben.

Die Brechstange war die Website. Wer sie in der Hand behielt, hatte gewonnen. Heute hat Crowdfunding diesen Platz eingenommen. Alle sitzen plötzlich an einem Tisch und die Grabenkämpfe sind mehr als augenscheinlich. Denn diesmal, beim Crowdfunding, geht es nicht nur um Kommunikation, sondern um Geld. Und da hört sich der Spaß auf, wie man weiss.

Dies ist die zweite unbequeme Wahrheit: Crowdfunding ist keine Hängematte, sondern sie ist vor allem eine Umverteilungsmaschine mit externem Zufluss. Crowdfunding ist kein alternatives Hippster-Gehopse zur Realisierung sozialromantischer Wunschkonzerte, geschwängert mit hohen, allerhöchsten Moralimperativen.

Nein, man muss pitchen, laut zeigen, dass man der Beste, der Schönste und vor allem besser als der Konkurrent ist, der nur einen Klick weit weg ist. Crowdfunding sollte man daher anpacken, wenn man weiss, man will kommunizieren, um Geld zu erhalten.

Klingt banal , wie man muss essen, um zu leben. Aber Essen zu beschaffen, ist nicht trivial, es zu verspeisen schon. Reden wir daher von der Feldarbeit, der Aussaat und den Mühen davor und erst hernach über die Freude, das warme Brot zu brechen und die Party mit den vielen Luftballons zu schmeißen.

Und schließlich: Man kann auch alles richtig machen und obiges wissen und trotzdem scheitern. Das nennt man Pech. Auch das ist eine fixe Größe des Lebens.