Antisemitismusreport der Tel Aviv University (TAU): Rückgang der Angriffe auf Leib und Leben. Hingegen: Anstieg im Web, antisemitischer Veschwörungsschwubbeln der ‘Impfgegner’ und Schändung von Synagogen und Friedhöfen // English Version inside

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Die Pandemie veränderte auch die Art und Weise antisemitischer Angriffe, wie das ‘Kantor Center’ der Tel Aviv University im heute vorgelegten Antisemitismusbericht für das Jahr 2020 berichtet.

In Summe hat die Pandemie den Hass gegen Israel und Juden global angetrieben; besonders in Deutschland und den USA. Die Art der Angriffe haben sich jedoch aufgrund der Pandemie verschoben: Die tätlichen Übergriffe auf Leib und Leben und auf das persönliche Eigentum sind zurückgegangen. Die antisemitischen Angriffe im Web und Schändungen von Synagogen und jüdischen Friedhöfen hingegen sind sehr stark gestiegen.

Im Detail führt die Tel Aviv University aus: “Wie bereits erwähnt, verringerte die Quarantäne in den verschiedenen Ländern die Begegnungen zwischen Juden und ihren Missetätern, und folglich sank die Zahl der gewalttätigen Ereignisse im Jahr 2020 von 456 auf 371 – eine Zahl, die typisch für 2016-18 war.

In diesem Jahr wurde niemand ermordet, weil er Jude ist (auch wenn körperliche Angriffe zum Verlust des Lebens hätten führen können), stellt das Kantor Center fest. Die Zahl der Körperverletzungen sank von 170 im Jahr 2019 auf 107 im Jahr 2020. Auch die Beschädigung von Privateigentum ging von 130 auf 84 Vorfälle zurück, einfach weil die Menschen meist zu Hause blieben.

In den meisten Ländern wurde ein Rückgang der gewalttätigen Vorfälle, der Angriffe auf Menschen und ihr Eigentum, der Bedrohungen und der Brandstiftung registriert. Der Vandalismus gegen jüdisches Gemeindeeigentum und Einrichtungen blieb jedoch unverändert und nahm in einigen Fällen sogar zu.

Die Zahl der Schändungen von Friedhöfen, Holocaust-Mahnmalen und anderen jüdischen Denkmälern stieg von 77 (2019) auf 96 (2020) Vorfälle weltweit, da diese Orte offen und ungeschützt sind. Auch die Zahl der vandalisierten Synagogen stieg von 53 (2019) auf 63 (2020), da sie geschlossen sind und somit eine leichte Beute darstellen.”

Antisemitismus im Internet

Da der öffentliche analoge Raum während der Pandemie weitgehend geschlossen war und ist, nahmen die Aktivitäten in den sozialen Medien,und eben auch damit antisemitischer Aktivitäten, massiv zu, jedoch sind sie von Natur aus nur schwer zu quantifizieren, wie das Kantor Center darlegt. Zwei Angriffflächen seien besonders hervorgehoben: Zoom-Bombardierung und Darknet.

Dazu führt die Tel Aviv University aus: “Zoom-Bombardierung: Als Zoom zu einem wichtigen Kommunikationsmittel wurde, entstand ein Phänomen, das als Zoom-Bombing bezeichnet wird – das Eindringen in Zoom-Konferenzen von Synagogen, jüdischen Gemeindezentren und jüdischen Studenten, die Störung der Treffen und die Nutzung der Plattform für das Zeigen von Hakenkreuzen, antisemitischen Präsentationen oder Reden usw. Allein in den USA wurden 200 Fälle von Zoom-Bombing registriert.

Darknets: Extremistische Gruppen, vor allem aus dem rechtsextremen Spektrum, wie White Supremacists und Neonazis, haben die offenen sozialen Netzwerke verlassen und sind in das Darknet abgetaucht, das im letzten Jahr stark gewachsen ist – dort können sie sich frei von jeglicher Überwachung und Einschränkung bewegen. Hier betreiben sie ungestört ihre eigenen Websites, die sehr schwer zu überwachen sind. Mit anderen Worten: Während die Zahl der antisemitischen Äußerungen in den offenen Netzwerken zurückging, nahmen die Aktivitäten im Darknet zu.”

Deutschland

Wenig überaschend ist Deutschland ein Epizentrum antisemitscher Angriffe im Web und scheint den globalen Takt vorzugeben. Die antisemitischen Memen zeigen sich als besonders wirksam. In Deutschland ist eine deutliche ideologische Verschränkung zwischen Impfgegnern, antisemitischer Tropen und Bilder und Verharmlosung bzw Instrumentalisierung der Schoa festzustellen. Eine toxische Mischung.

Im Bericht führt die Tel Aviv University die wichtigsten Verschwörungsschwubbelein besonders der ‘Impfgegner’ aus: “Impfgegner setzten die Restriktionen und Aussperrungen zur Eindämmung der Pandemie mit der Politik des Naziregimes gleich und beschuldigen das Establishment und die Regierungen in verschiedenen Ländern, Zwangsmittel anzuwenden. Sperrungen wurden mit der Inhaftierung in Ghettos und Konzentrationslagern verglichen. Impfungen wurden als medizinische Experimente bezeichnet. Bescheinigungen, die nach einer Impfung Privilegien gewähren, wurden als das berüchtigte “Selektionsverfahren” in den Todeslagern der Nazis angesehen. Impfgegner fühlten sich genauso unerwünscht und verfolgt wie Juden. Das Epitaph am Tor von Auschwitz diente als Quelle für den neuen Slogan “Impfen befreit”, um einige Beispiele anzuführen.

In Deutschland, wo der Widerstand gegen die Impfstoffe besonders stark ist, trugen Demonstranten einen gelben Stern auf ihrer Kleidung, wobei das Wort “ungeimpft” das Wort “Jude” ersetzte, und nannten Bundeskanzlerin Merkel einen Nazi.

Das Aufkommen der Impfstoffe, gekoppelt mit Israels riesiger Impfkampagne, unterstützt von Israelis und Juden, die prominente Positionen in den Firmen, die diese Impfstoffe produzieren, innehaben, wie Tal Zaks, Chief Medical Officer bei Moderna, und Pfizer-CEO Albert Bourla, verstärkten die Vorwürfe: Israelis und Juden reichen sich die Hände, damit Israel sich als erstes von der Pandemie erholen kann, während der Rest der Welt in der Schlange steht und die Juden um Hilfe anfleht.”

Und an anderer Stelle wird der Anstieg von Anschlägen auf Synagogen und Friedhöfen in den USA und Deutschland hervorgehoben. In der Pressemitteilung heißt es zusammenfassend: “In den USA wird seit mehreren Jahren ein allmählicher Anstieg der gewalttätigen Vorfälle beobachtet, der in diesem Jahr 119 erreichte (im Vergleich zu beispielsweise 99 im Jahr 2017), und auch in Deutschland gab es einen deutlichen Anstieg der Gesamtzahl der Fälle, von insgesamt 2.032 im Jahr 2019 auf 2.275 im Jahr 2020, darunter 59 gewalttätige Vorfälle. In beiden Ländern wird Vandalismus für die meisten Vorfälle verantwortlich gemacht.”

Interview mit Dr. Moshe Kantor

English Version

The pandemic also changed the nature of anti-Semitic attacks, according to Tel Aviv University’s ‘Kantor Center’ in its 2020 Anti-Semitism Report, released today.


In sum, the pandemic has driven hatred against Israel and Jews globally; especially in Germany and the US. However, the nature of attacks have shifted as a result of the pandemic: Assaults on life and limb and personal property have declined. Anti-Semitic attacks on the web and desecrations of synagogues and Jewish cemeteries, on the other hand, have risen very sharply.


Specifically, Tel Aviv University states, “As mentioned earlier, quarantines in the various countries reduced encounters between Jews and their wrongdoers, and consequently the number of violent events in 2020 dropped from 456 to 371 – a number that was typical of 2016-18.


No one was murdered for being Jewish this year (although physical attacks could have resulted in loss of life), the Kantor Center notes. The number of assaults dropped from 170 in 2019 to 107 in 2020, and damage to private property also fell from 130 to 84 incidents, simply because people mostly stayed home.
Most countries recorded a decrease in violent incidents, attacks on people and their property, threats, and arson.

However, vandalism against Jewish communal property and institutions remained unchanged and in some cases even increased. The number of desecrations of cemeteries, Holocaust memorials, and other Jewish monuments increased from 77 (2019) to 96 (2020) incidents worldwide, as these sites are open and unprotected. The number of vandalized synagogues also increased from 53 (2019) to 63 (2020) because they are closed and therefore easy prey.”


Anti-Semitism on the Internet


Because the public analog space was and is largely closed during the pandemic, social media activity, including anti-Semitic activity, increased massively, but it is inherently difficult to quantify, as the Kantor Center points out. Two areas of attack are particularly noteworthy: Zoom bombing and the darknet.


On this, Tel Aviv University states, “Zoom bombing: as Zoom became a major means of communication, a phenomenon known as zoom bombing emerged – breaking into Zoom conferences of synagogues, Jewish community centers, and Jewish students, disrupting the meetings, and using the platform to show swastikas, anti-Semitic presentations or speeches, etc. In the USA alone, 200 cases of Zoom bombing have been recorded.


Darknets: Extremist groups, especially from the far-right spectrum, such as White Supremacists and neo-Nazis, have left the open social networks and gone underground into the darknet, which has grown strongly in the last year – there they can move around free of any surveillance and restriction. Here they run their own websites undisturbed, which are very difficult to monitor. In other words: While the number of anti-Semitic statements in the open networks decreased, activities in the darknet increased.”


Germany


Unsurprisingly, Germany is an epicenter of anti-Semitic attacks on the Web and seems to be setting the global pace. Anti-Semitic memes are proving particularly effective. In Germany, there is a clear ideological entanglement between anti-vaccinationists, anti-Semitic tropes and imagery, and trivialization or instrumentalization of the Shoah. A toxic mix.


In the report, Tel Aviv University elaborates on the main conspiracy plots especially of the ‘anti-vaccinationists’: “Vaccination opponents equated the restrictions and lockouts to contain the pandemic with the policies of the Nazi regime and accused the establishment and governments in various countries of using coercive tactics. Lockouts were compared to incarceration in ghettos and concentration camps. Vaccinations were labeled medical experiments. Certificates granting privileges after vaccination were seen as the infamous “selection process” in Nazi death camps. Opponents of vaccination felt as unwanted and persecuted as Jews. The epitaph on the gate of Auschwitz served as the source for the new slogan “Vaccination liberates,” to cite a few examples.


In Germany, where opposition to vaccines is particularly strong, demonstrators wore a yellow star on their clothing, with the word “unvaccinated” replacing the word “Jew,” and called Chancellor Merkel a Nazi.


The advent of the vaccines, coupled with Israel’s huge vaccination campaign, supported by Israelis and Jews who hold prominent positions in the companies that produce them, such as Tal Zaks, chief medical officer at Moderna, and Pfizer CEO Albert Bourla, reinforced the accusations: Israelis and Jews are joining hands so that Israel can be the first to recover from the pandemic while the rest of the world stands in line begging the Jews for help.”


And elsewhere, it highlights the rise in attacks on synagogues and cemeteries in the U.S. and Germany. The press release summarizes, “In the U.S., a gradual increase in violent incidents has been observed for several years, reaching 119 this year (compared to 99 in 2017, for example), and in Germany there has also been a significant increase in the total number of cases, from a total of 2,032 in 2019 to 2,275 in 2020, including 59 violent incidents. In both countries, vandalism is blamed for most incidents.”