Frank Müller-Rosentritt (FDP) im Gespräch: Was können wir von Israel lernen?

Frank Müller-Rosentritt, geborener Müller (* 13. Juni 1982 in Karl-Marx-Stadt, jetzt: Chemnitz) ist ein deutscher Politiker (FDP). Der Diplom-Betriebswirt ist seit der Bundestagswahl am 24. September 2017 Mitglied des 19. Deutschen Bundestages und seit dem 2. November 2019 Vorsitzender der FDP Sachsen.

Ein E-Gespräch über Israel und was Deutschland von Israel lernen kann anlässlich der kommenden E-Podiumsdiskussion am 2. Dezember “Start-up Nation No.1: Was können wir in Deutschland und Sachsen von Israel lernen?“.

Von Naftali: Israel gilt als die Startup-Nation der Welt, viele sprechen schon von der Scaleup-Nation. Israel hat die höchste Pro-Kopf Dichte an Startups, Einhörner und Venture Capitalist der Welt und gilt als best place für Unternehmerinnen, wie zuletzt von Mastercard Ranking festgestellt oder hat die höchste Forschungsquote der Welt mit 4,95% des BIP. Wo sehen Sie die Erfolgsfaktoren?

Frank Müller-Rosentritt: Der größte Unterschied liegt sicherlich in der Unternehmenskultur. In Israel wurden die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen, damit junge Menschen sich wagen, auf sich selbst vertrauen und nicht die Angst vor dem Scheitern haben.

Das unterscheidet die beiden Gesellschaften maßgeblich. In Deutschland wird eher auf den vermeintlichen “sichereren” Weg gesetzt. Aufgrund einer Kultur, in der unternehmerisches Scheitern mit persönlichem Scheitern gleichgesetzt wird, kommen viele gute Ideen, die vielleicht die Welt für immer verändern könnten, nicht über das Anfangsstadium hinaus. Das ist eine traurige Erkenntnis, dass wir uns eigentlich nur selbst als Gesellschaft im Weg stehen.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist natürlich die Armee. Junge Israelis bekommen die Möglichkeit, aus der Tzahal heraus ein Unternehmen zu gründen. Sie können dieses Umfeld nutzen, um sich auszuprobieren und mit gemindertem Risiko den Einstieg in ein eigenes Projekt zu wagen. Natürlich sind das vollkommen andere Bedingungen als in Deutschland.

Denn die Bundesrepublik lebt glücklicherweise in der Mitte eines friedlichen Europas. Dass es bei uns innerhalb des Militärs also andere Strukturen gibt, darf allerdings keine Entschuldigung dafür sein, dass wir nicht ähnliche Strukturen aufbauen und grundsätzlich die hiesige Gründerkultur hinterfragen.

Es müssen endlich auch in Deutschland die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, der Blick nach Israel sollte uns dazu auf jeden Fall inspirieren. 

Von Naftali: Warum denken Sie, sehen wir so wenig Engagement von deutschen Unternehmen in Israel im Vergleich zu US-amerikanischen oder britschen bis hin japanischen Unternehmen? Ist es deutsche Angst?

Frank Müller-Rosentritt: Hier müssen wir etwas differenzieren. Es gibt Unternehmen, die Joint Ventures eingehen und Israel verstärkt als Markt erkennen. Natürlich noch ein sehr kleiner, aber innovativer Markt. Ich denke, dass es sich hierbei auch eher um eine gesellschaftliche Frage handelt. Nämlich: Wie wird Israel in Deutschland gesehen?

Wenn ich das einmal überspitzen darf. Solange das Bild einer von Krieg und Konflikt zerrütteten Militärdiktatur gezeichnet wird, werden deutsche Unternehmen genau abwägen, ob eine Investition hier sinnvoll ist.

Israel ist ein junges, demokratisches Land, mit einer lebendigen Streitkultur und einer weltberühmten Unternehmens- und Gründerkultur. Ich denke, dass es vor einigen Jahrzehnten noch so war, dass deutsche Unternehmen abgewogen haben, ob ein Engagement in Israel zum Verlust von anderen Märkten führen könnte.

Diese abwägende Haltung konnte in den letzten Jahren schon etwas aufgebrochen werden. Die Normalisierungs- und Friedensabkommen sind da auf jeden Fall hilfreich, durch sie löst sich diese Frage in Luft auf. Da entsteht mehr Raum gängige Narrative zu brechen und eine reflektiertere Haltung einzunehmen.

Israel ist auch nicht mehr das kleine sozialistische Land in der Levante, sondern eine aufstrebende Wirtschaftsnation, ein fester Partner Europas und Deutschlands. Ich glaube es ist eine Frage der Zeit, bis sich das entsprechend auch in den Handelsbeziehungen widerspiegeln wird. 

Von Naftali: Denken Sie, dass die aktuelle Außenpolitik der deutschen Bundesregierung abträglich ist für eine wirtschaftlich vertiefte Kooperation zwischen deutschen und israelischen Unternehmen?

Frank Müller-Rosentritt: Kooperation zwischen deutschen und israelischen Unternehmen, wie auch der Absatz deutscher Waren nimmt stetig zu. Ich denke, dass die Antwort komplex ist. Denn einerseits erleben wir, dass Deutschland und Israel ein besonderes Verhältnis haben, das als äußerst belastbar gilt. Das ist auch ein Erfolg der Außenpolitik und der engen Verflechtung unserer Gesellschaften.

Dieses Verhältnis ist nicht nur für Deutschland, sondern auch für Israel wichtig und bietet eine gute Grundlage dafür, dass wir wirtschaftlich in Zukunft noch enger zusammenwachsen. Deutschland bietet auch einen großen Absatzmarkt für Israel und Israel ein Innovationszentrum für Deutschland. Insofern gibt es viele gute Gründe, dass die Außenpolitik zum Mittel wird, diese Beziehungen auch in Zukunft auszubauen.

Aktuell sehe ich allerdings auch die Hindernisse. Deutschlands Abstimmungsverhalten in den Vereinten Nationen und das Appeasement gegenüber dem iranischen Regime lassen natürlich berechtigterweise Skepsis aufkommen. Doch ist auch klar, dass trotz dieser Skepsis die deutsch-israelischen Beziehungen bestehen bleiben. Diese Sicherheit ist wichtig und darf auf keinen Fall untergraben werden.

Auch wenn die israelische Politik sich durch ihren Pragmatismus auszeichnet, dafür sollte die Bundesregierung dankbar sein und ihrer Verantwortung nachkommen, was eine Korrektur dieser Missstände bedeuten würde. 

Von Naftali: Eine Frage direkt an Sie: Sind sie dafür, dass Deutschland Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt Israel anerkenne und die Botschaft nach Jerusalem verlegen solle?

Frank Müller-Rosentritt: Es gibt ja nun einen Präzedenzfall: die Anerkennung Jerusalems durch den Präsidenten der USA, Donald Trump. Viele haben damit gerechnet, dass diese Anerkennung den arabisch-israelischen Prozess nun endgültig beendet hätte oder, dass es sogar zu neuen Aufständen, gar einer dritten Intifada, kommen könnte.

Wir sehen, dass nichts davon sich ereignet hat, eher das Gegenteil. Inzwischen spricht auch der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, von einer Rückkehr zu Gesprächen mit der israelischen Seite und nach Bahrein und den VAE scheinen weitere Normalisierungen Form anzunehmen.

Diese Vorgänge dürfen allerdings nicht zu übereiltem Aktionismus führen. Deutschland ist einer der wichtigsten Partner Israels, ob die Botschaft sich nun in Tel Aviv oder Jerusalem befindet.

Ein entsprechender Schritt würde sowieso einen intensiven Abstimmungsprozess mit allen Seiten erforderlich machen. Auch weil sich die Politik aus Washington bald ändern wird, sollte man hier abwarten.

Es gibt keine Dringlichkeit, denn auch Israel profitiert von Deutschlands Vermittlerrolle. Eine verfrühte Verlegung könnte diese neutrale Position in Frage stehen lassen, dann wird es für Deutschland in Zukunft weitaus schwerer werden, zwischen Israel und den arabischen Nachbarn zu vermitteln. 

Von Naftali: Ich muss immer wieder feststellen, dass es sehr viele staatliche “NGO”, Kammern, staatsnahe Einrichtungen und Plattformen zur Förderung der Wirtschaftsbeziehungen gibt, jedoch kaum welche, die von Unternehmen selbst getragen werden. Und die Performance wie das offene Kommunikationsverhalten sei ja nicht berauschend, wie ich oft zu hören bekomme und auch selber teilweise erlebe. Zeit für ein Umdenken? Mehr Privatwirtschaft und weniger Funktionäre? Kann dies die Wirtschaftsbeziehungen dynamisieren?

Frank Müller-Rosentritt: Eine Entweder-oder-Haltung finde ich in diesem Zusammenhang unpassend. Denn es ist ja eine Fehleinschätzung, dass die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Israel nicht existent seien.

Sie sind ausbaufähig. Daher finde ich den Vorschlag mehr Privatwirtschaft zu wagen ganz angemessen. Das muss aber ein Plus sein.

Eben weil Deutschlands Außenpolitik nach wie vor Skepsis erzeugt, sollten wir nicht das Wagnis eingehen, die historisch gewachsenen Verbindungen zu kappen, in der Hoffnung, dass dann privatwirtschaftlich leicht nachwächst.

Ganz im Gegenteil. Wir sollten die bestehenden Strukturen nutzen, um die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Unsere Handelskammern haben exzellente Netzwerke, die dafür die Grundlage bilden könnten. Ich denke, dass hier einerseits die richtige Stoßrichtung vorhanden ist, allerdings die Möglichkeiten nicht gänzlich ausgeschöpft werden.

Ein Hybrid aus staatlichen und privatwirtschaftlichen Initiativen könnte hier wichtige Impulse setzen. 

Von Naftali: Welche Disruptionen schlagen Sie vor, was kann Deutschland von Israel lernen?

Frank Müller-Rosentritt: Ich habe das ja schon etwas skizziert. Das wichtigste ist eine Frage der Mentalität. In Deutschland herrscht nach wie vor die Einstellung vor, dass jemand der unternehmerisch scheitert, auch vollständig gescheitert ist.

Diese Angst vor Fehlern lähmt uns und beeinträchtigt auch unsere Streitkultur. In Israel ist es von Belang, dass man Probleme von unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Kurt Tucholsky stellt mal für Deutschland fest, dass hier derjenige als der Schuldige gilt, der auf den Dreck zeigt, nicht derjenige, der ihn gemacht hat.

Dabei lernen wir aus Fehlern und nur durch Kritik und verschiedene Perspektiven können wir Problemen wirklich begegnen, statt sie nicht nur in die Zukunft zu verlagern. Nur diejenigen, die es wagen, zu scheitern, können großartiges erreichen. Das sollte unser Leitmotiv sein. 

Von Naftali: Abschließend unsere offene Frage: Was wollen Sie den Leserinnen und Leser von Glocalist gerne sagen und nicht gefragt worden ist?

Frank Müller-Rosentritt: Die Frage, die nicht gestellt wurde, ist, was jeder Einzelne tun kann. Ich möchte jede Leserin und Leser dazu ermuntern, nach Israel zu reisen, Kontakte und Netzwerke aufzubauen und so Anteil an der Veränderung zu haben.

Es reicht nicht, die Verantwortung ausschließlich beim Staat und seinen Institutionen zu sehen, sondern jeder von uns muss seinen Teil beitragen. Das bedeutet natürlich auch, dass man Israel nicht einfach überidealisiert, sondern, dass man das Land in seiner Komplexität wahrnimmt.

Dieses schöne und vielfältige Land, dessen Gründung schon wie ein historisches Wunder erscheint, bietet so viele Möglichkeiten. Nicht nur für unsere Gesellschaft, für unsere Wirtschaft, sondern auch für jede und jeden Einzelnen.

Ich würde mir auch wünschen, dass das in Schulen und Universitäten stärker vermittelt wird und auch die Möglichkeiten des Jugendaustausches vorangetrieben werden.

Von Naftali: Sehr geehrter Herr Müller-Rosentritt, vielen Dank für das Gespräch und Ihre Zeit.

Das E-Gespräch wurde am 26.11.2020 geführt.